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Der goldene Drache – Roland Schimmelpfennig fühlt dem alltäglichen Nebeneinander auf den Zahn

Der Herrscher über das Orakel

von Simone Kaempf

In einem Haus geschehen scheinbar unspektakuläre Dinge. Zwei Stewardessen kehren von einem Langstreckenflug zurück und gehen noch etwas essen. Eine Enkelin, die ihren Großvater besucht hat, streitet sich in der Dachgeschosswohnung mit ihrem Freund. Und ein Mann, dessen Frau einen anderen kennengelernt hat, wird sich mit dem Lebensmittelhändler von gegenüber hemmungslos betrinken.

Diesem Durchschnitts-Etagenwohnhaus hat Roland Schimmelpfennig aber noch ein Erdgeschoß verpasst, ein wahres Kellerloch: Hier arbeiten in einer engen Küche in einem Thai-China-Schnellrestaurant fünf asiatische Köche an Woks und Gasbrennern. Und während oben im Haus die Sehnsüchte rund um Liebe, Trennung und vergehende Jugend das Leben bestimmen, entwickelt sich unten in der Garküche das Drama um einen Chinesen und seinen kariösen Schneidezahn. Auf altmodische Weise wird dem allein durch Alkohol Betäubten der schmerzende Zahn herausgerissen: mit einer Rohrzange, auf dem Küchenboden.

Ein Dostojewski'scher Schmerz

Während der Chinese in der Küche verblutet, wird seine Schwester im Nebenhaus von einem Freier brutal zugerichtet. Die Parallelwelten dieser Nachbarschaft verknüpft Roland Schimmelpfennig allerdings viel leichthändiger, als es das drastische Ende suggeriert. Denn "Der goldene Drache" zielt weniger auf Sozialrealismus als auf Poetisierung und rückt damit das Geschehen ins zeitlos Tragische und künstlerisch Irreale. Das Stück ist gespeist von einer überbordenden Phantasie, dass Glück und Leid, Begegnen und Verpassen nur eine Handbreit voneinander entfernt liegen, aber der Schicksalsplan, der sie verbindet, allenfalls für die poetische Intuition einsehbar ist.

Wie peinigend die Erfahrung übermäßiger Zahnschmerzen sein kann und welch erniedrigende Zwecklosigkeit mit ihnen herausgeschrien wird, hat Fjodor Dostojewski in den "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" (1864) wortreich beschrieben. Man darf bei dem gern unterschwellig in literarischen Tiefendimensionen weidenden Autor Schimmelpfennig stets darauf gefasst sein, dass seine Figuren in Teilen als Wiedergänger solcher kanonischen Typen anzusehen sind. Sein leidender Chinese ist zwar kein Schwadronier, der den Sinn des Daseins durchzutheoretisieren vermag; er schreit und verstummt schnell. Aber etwas von der Bedrücktheit Dostojewki'scher Isolation schwingt auch in seinem Auftritt mit.

Ein Zahn wie ein Silberlöffel

Mit hohem kompositorischen Bewusstsein verwandelt denn auch Schimmelpfennig das Zusammentreffen von scheinbar kontingenten Ereignissen in ein Netz poetischer Gesetzmäßigkeit. Der kranke Zahn dient dabei als verbindendes Motiv. Unbemerkt landet er in der Thai-Suppe Nr. 6, die der Stewardess Inga mit einem Lächeln serviert wird. Sie wird den Zahn mitnehmen, wird ihn in den Mund stecken, ihn kosten, ihn schließlich in den Fluss spucken, wo, wie nur wir Zuschauer wissen, schon der verblutete Chinese entsorgt wurde.

Für die Figuren bleiben Geschehnisse wie der Fund des Zahnes rätselhafte, halb alltägliche Zwischenfälle; ihre Ordnung geben sie nur nach Außen, für uns Kunstbetrachter, preis.
Stilbildend hat Schimmelpfennig diese motivische Verwicklungsarbeit bereits in dem 2006 uraufgeführtem Stück "Auf der Greifswalder Straße" auf die Spitze getrieben, in dem eine junge Frau einen Silberlöffel als Liebesgeschenk erhält. Ausgerechnet ihr Großvater hatte das Erbstück in den letzten Kriegstagen im April 1945 eingemauert, und 50 Jahre später gerät der Löffel in die Hände der Enkelin, die nichts ahnt von den Umwegen und der Verkettung der Ereignisse.

In resoluter Unkenntnis des Schicksals

Diese Fantastik des Zufalls könnte kitschig sein, wenn Schimmelpfennigs Figuren nicht in resoluter Unkenntnis ihres Schicksals in den Lauf der Dinge eintreten würden. Wie das Leben eben spielt, in dem man nie vorab weiß, wann man wo zur Stelle sein muss, um das große Los zu ziehen, die wahre Liebe zu finden oder dem Unglück auszuweichen. Ohne Orakelbefragung müssen auch die Figuren auskommen, ihre Entscheidungen treffen. Und der Künstler zeigt uns hinter ihrem Rücken, wie jeder Schritt unbewusst mit fremden Ereignissen korrespondiert.

"Der goldene Drache“ ist eines der kürzeren Schimmelpfennig-Stücke und funktioniert in seiner Verknappung höchst raffiniert. Gespielte Szenen variieren  mit kommentierten und nacherzählten. Bereits auf der ersten Seite wechselt drei Mal der Erzähler. Jeder Schauspieler übernimmt mehrere Rollen. Der eigentliche Trick ist jedoch die berühmte Kinderfabel, die zwischen die Szenen geschnitten ist und von einer Grille erzählt, die im Winter bei einer Ameise Unterschlupf findet.

Die geschändete Grille

Die Tiergeschichte nimmt explizit menschliche Züge an und wird von Schimmelpfennig  nach und nach mit der kruden Realität des Hauses verschmolzen und pervertiert. Erst ist es der ältere Hausbewohner, der als Freier bei der Grille auftaucht. Dann missbraucht der verlassene Mann den Grashüpfer, den er im Vollrausch (dem Zustand, in welchem man angeblich immer die Wahrheit sagt) als Asiatin bezeichnet. Das ist ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass der Lebensmittelhändler die Schwester des Chinesen aus dem Asia-Restaurant als Sexsklavin hält. Dieses Puzzlestück führt zu einer weiteren unangenehmen Wahrheit: Der Chinese hat es auf der Suche nach der Schwester bis ins Nachbarhaus geschafft, aber das letzte Stück nicht überwinden können.

Wo andere Dramatiker angesichts des Migrationsthemas nach dem Authentischen streben, bewegt sich Schimmelpfennig in die andere Richtung, unterwandert auf formaler Ebene den klassischen Sozialrealismus und erzählt am Ende dennoch eine höchst zeitgemäße Geschichte zweier illegaler Immigranten und ihres Schattendaseins. Ein Illegaler ohne Papiere, der stirbt und in den Fluss geworfen wird, eine Einwanderin, die im Puff landet – diese Konstellationen kennt man durch mediale Berichterstattung. In "Der goldene Drache" lernt man sie noch einmal neu sehen, weil die Protagonisten in ein virtuoses Ensemble aus Ähnlichkeiten und diametralen Gegensätzen gebracht werden.

Im Alter zahnlos, wer hätte das gedacht

Da erzählt die Stewardess, wie das Flugzeug auf dem Heimflug mit 900 Stundenkilometern viel zu langsam die Westküste Afrikas hinaufkriecht, und sie über dem Atlantik an Haifische denken muss. Der Chinese dagegen phantasiert seinen Tod als Heimreise voller märchenhafter Schönheit: "Der Fluß nimmt mich auf, trägt mich mit sich (...) Vielleicht zieht mich ein Fisch, oder ein Wal (...) An Japan in der Ferne vorbei im Morgengrauen und gegen Abend des gleichen Tages endlich: China." Und während dem schreienden Asiaten unten in der Küche gewaltsam der Zahn gezogen wird, trauert der alternde Mann oben im Haus seinen selbsttätig ausfallenden Zähnen hinterher: "Im Alter: zahnlos, wer hätte das gedacht, daß wirklich die Zähne ausfallen."

Niemand ist hier nur schmerzgepeinigt oder schmerzfrei, nur gut oder schlecht. Alle haben etwas verloren und sind auf der Suche. Als Autor ist Schimmelpfennig viel zu sehr Realist, um nach mehr Gerechtigkeit im göttlichen Schicksalsroulette zu verlangen und viel zu sehr Poet, um sich an die Forderung einer Krankenversicherung für alle zu hängen. Sein Hoheitsbereich ist das Dazwischen, sein Blick der des Ironikers, der dem blinden Lauf der Welt fasziniert beiwohnt und sich trotzdem erlaubt, ihn auf der Bühne in quasi-göttlicher Notwendigkeit zu schildern.


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