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Publikumsgespräch zu Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache"

Text aus der Fremde

von Sarah Heppekausen

15. Mai 2010. René Pollesch macht es, Armin Petras/Fritz Kater auch. Dass ein Autor sich sein Stück auch als Regisseur vornimmt, ist nicht neu. Aber für Moderator Gerhard Jörder doch zumindest eine delikate Versuchsanordnung. Als Autor ist Roland Schimmelpfennig mit "Der goldene Drache" zum siebten Mal nach Mülheim eingeladen. Zum ersten Mal ist er es auch als Regisseur seines eigenen Stückes. In doppelter Funktion sitzt er also neben den fünf Schauspielern und Bühnenbildner Johannes Schütz auf dem Podium der ersten Mülheimer Publikumsdiskussion.

"Sind sich Regisseur und Autor nicht ins Gehege gekommen?", will Jörder wissen. Irgendwie scheint diese Frage aber niemanden ähnlich brennend zu interessieren. Für die Schauspieler sei das kein Thema gewesen, erzählt Philipp Hauß kurz. Und für Schimmelpfennig selbst ist die Sache unglaublich simpel: "Wenn ich inszeniere, ist es der Text eines Fremden. Ich habe mit dem Text nicht wirklich viel zu tun." Oder ist die Doppelrolle vielleicht Strategie? Soll sie eine unerwünschte Uraufführung verhindern, in der die Erkennbarkeit des Stückes nicht gesichert ist? Schimmelpfennig: "Ich habe es verhindert." Punkt.

Spannungsfäden auf weitem Feld

Also zum Inhalt des Stücks, in dem sich laut Jörder ein weites Feld auftut, von illegaler Immigration, globaler Vernetzung und Parallelgesellschaften. Ein befreundeter Anwalt habe ihn auf die Idee gebracht, sagt der Autor: Man müsste mal ein Stück machen über illegale Einwanderer in Europa. Zunächst recherchierte Schimmelpfennig in einem Abschiebegefängnis, fürchtete aber, dieser Stoff würde sich auf der Bühne im Allgemeinen verlieren. Also habe er sich auf Zwangsprostitution und die Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt konzentriert. Darüber werde nun, so führt Jörder aus, nicht in einem direkten Sozialdrama, sondern in einer "seltsamen Mischung aus Märchen, Fabel, Sozialdrama, Groteske und Tragödie" erzählt. Für eine Zuschauerin sind es die Schauspieler, die diesen Genremix auf hinreißende Art transparent machen.

Aber auch dieses Thema reizt nicht zur längeren Diskussion. Das Publikumsgespräch verbeißt sich an diesem Abend in keiner Frage, reibt sich nicht auf in generalisierbaren Debatten. Vieles wird kurz angesprochen. Ein Zuschauer bemängelt zum Beispiel den wenig überraschenden zweiten Teil des Abends, während im ersten Teil reichlich Spannungszünder gesetzt worden seien, werde der Faden im zweiten Teil immer dünner. Ein anderer wundert sich, warum die international bekannte Fabel von Ameise und Grille in der Diskussion bislang überhaupt noch nicht thematisiert worden sei. "Versackt das?" Und Jörder probiert es noch einmal mit dem Thema der Darstellungsform: "Hätte man es nicht auch realistischer machen können?", fragt er den Bühnenbildner, der sich nicht für ein mehrgeschossiges Haus entschieden hat, sondern für eine weiße Fläche vor weißer Wand. "Ja", antwortet Schütz knapp. Dann aber doch noch etwas ausführlicher: "Aber das Stück ist schnell, das Theater in einer realistischen Bühne wäre viel zu langsam."

Globale Empathie?

Und dann ist da noch die Sache mit dem Zahn. Den die Restaurantküchen-Kollegen dem kleinen Chinesen mit der Kneifzange ziehen. Der im hohen Bogen durch die Luft fliegt und in der Suppe einer Stewardess landet. "Warum nimmt sie den in den Mund?", will ein Zuschauer wissen. "Das habe ich mich auch gefragt", gibt Schauspieler Falk Rockstroh zu. Und startet dann doch einen charmanten Erklärungsversuch: "Jeder kompensiert Einsamkeit anders."

Schimmelpfennig beschreibt die scheinbar sinnlose Handlung als Versuch, in irgendeine Form von Beziehung zu treten. "Sie weiß, es steht ein Schicksal dahinter." Aber: "Wir bleiben Individuen, die nicht wirklich empathisch sind." Und zum ersten Mal entwickelt sich doch der Ansatz einer Diskussion. "Wie groß soll globale Empathie denn sein?", hakt eine Zuschauerin nach. Die Antwort des Autors: "Ich fordere sie nicht ein, ich beschreibe nur das Phänomen." Und am liebsten, so wird an diesem Abend deutlich, lässt der Phänomenologe Schimmelpfennig seine Stücke für sich sprechen.

 

Mehr zu Roland Schimmelpfennig. Hier gibt's außerdem den Shorty zum Mülheim-Gastspiel.

Kommentare (1)

16. Mai 2010, 16:05
Aufreger: dann macht doch mal!
"Man müsste mal ein Stück machen über...". Mein Gott, dann macht doch mal Stücke über..., und versteckt euch nicht hinter seltsamen Grillen (und Ameisen). Konsequent, dass das Publikumsgespräch belanglos blieb!

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