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Sieben Fragen an...

Josef Mackert


Josef Mackert, Dramaturg, Theater Freiburg

Geboren in Karlsruhe. Studium der Philosophie, Literaturwissenschaften und Geschichte in Freiburg, Paris und Berlin. Arbeiten als Übersetzer und Mitarbeit bei der Herausgabe von Büchern und Katalogen. Lehraufträge an der Universität Freiburg. Autor für "Theater heute", "Die Deutsche Bühne", "Stück-Werk", "taz" und "Badische Zeitung". Dramaturgische Zusammenarbeit u.a. mit Sebastian Baumgarten, Christoph Frick, Thomas Krupa, Marcus Lobbes, Stephan Rottkamp, Michael Simon und Joachim Schloemer. Seit 2002 als Leitender Dramaturg am Theater Freiburg.

1. Wie sind Sie in der Vergangenheit mit den Mülheimer Theatertagen in Berührung gekommen?

Die Mülheimer Theatertage besuche ich seit meiner Zeit als Regieassistent so oft es mir möglich ist. Für alle, die sich im Theater in besonderer Weise für zeitgenössische Dramatik interessieren und für neue Stücke einsetzen, gibt es im Theaterjahr drei Veranstaltungen, die man unbedingt besuchen will: Die Mülheimer Theatertage, die Autoren-Theatertage (in Hannover, Hamburg und jetzt Berlin) und den Heidelberger Stückemarkt. Diese Veranstaltungen bieten Orientierungen, Anregungen, Begegnungen, die man in dieser Dichte nirgends sonst erfahren kann. Sie motivieren Dramaturgen, in ihren Theatern für neue Stücke zu werben, sich überhaupt mit aktuellen Stücken und zeitgenössischen Autorinnen und Autoren zu beschäftigen.

Die Mülheimer Theatertage waren für mich aber auch immer eine Möglichkeit, konzentriert an einem Ort die Aufführungen von neuen Stücken zu sehen, zu denen ich sonst nicht hätte reisen können. Ich kann nicht wirklich erklären warum, aber hier gibt es immer ein besonders entspanntes und gastfreundliches Klima, in dem es Spaß macht, Stücke zu sehen und zu diskutieren. Irgendwie muss es auch mit der Stadt und den Zuschauern hier zu tun haben, die Jahr für Jahr Lust auf das Neue und noch Unbekannte haben. Wie offen und interessiert das Publikum hier ist, konnte ich vor zwei Jahren noch einmal ganz anders erfahren, als ich das Stück Kaspar Häuser Meer von Felicia Zeller nach Mülheim begleitet habe.

2. Was ist spezifisch am Blick eines Dramaturgen auf Theaterstücke?

Eine schwierige Frage. Vielleicht kommt man ihrer Beantwortung näher, wenn man die besondere Stellung von Dramaturgen als Mittler zwischen Autoren, Theatern, Regisseuren, Schauspielern und Publikum in den Blick nimmt. Und wenn man noch voraussetzt, dass es neben dem allgemeinen Wunsch, sich von einem Stück begeistern oder doch in außergewöhnlicher Weise berühren und herausfordern zu lassen, auch immer eine besondere politische Situation und dringliche Themen gibt, mit denen wir uns auseinandersetzen wollen. Wenn ich Stücke lese oder über Stücke nachdenke, dann spielen alle diese Faktoren in unterschiedlicher Weise eine Rolle. Ich denke im Zusammenhang mit einem Stück also immer auch über Konstellationen nach. Für diese Konstellationen muss ich einen Möglichkeitssinn ausbilden, Hypothesen entwickeln, und mit einer gewissen Lust auch spekulieren wollen.

Neben diesem Blick gibt es einen zweiten spezifischen Blick, den Dramaturgen während der Konzeptions- und Inszenierungsarbeit an einem Stück wach halten müssen. Es ist der Blick auf die Eigenbewegung des Textes, auf die Erfahrungs- und Erinnerungsschichten, die in ihm verborgen oder offenbar angelegt sind. Auf das Widerständige und Verstörende, das man auch gegen vorschnelles Verstehen und naheliegende Lösungen verteidigen muss. Dieser Blick allein bliebe aber Buchgelehrsamkeit. Lebendig wird oder bleibt er nur, wenn er die Perspektiven von Regisseuren, Dirigenten, Choreographen, Bühnen- und Kostümbildnern, Musikern und Videokünstlern, Schauspielern, Sängern und Tänzern sucht und sich zu ihnen in Beziehung setzen kann und will.

3. Was macht für Sie ein gutes Theaterstück aus?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Sie verlangt eine Antwort ohne jede Rücksicht auf einen Zusammenhang, in dem sie für mich erst beantwortbar würde. Losgelöst von Zeit und Ort, von jedem gesellschaftlichen Kontext und von den Interessen und Leidenschaften der beteiligten Künstler macht sie jedenfalls für mich keinen Sinn.

4. Inwieweit darf, Ihrer Meinung nach, bei der Uraufführung in die Textgestalt eines neuen Stückes eingegriffen werden?

So weit, als es nötig ist, um das Stück in der Inszenierung möglichst stark zu machen.

Indem diese Frage das "dürfen" betont, lässt Sie allerdings eine wichtige Entwicklung der zeitgenössischen Dramatik außer acht, die eine immer stärkere Ko-Autorenschaft der Theater voraussetzt und sucht. Neben das Werk, das als solches konzipiert und gearbeitet ist, tritt immer öfter das Material, das bearbeitet werden möchte. Hinzu kommen Stückentwicklungen und Autorenprojekte, bei denen sich die Theater und die Autoren von Anfang an in einem gemeinsamen Prozess befinden. Die Zusammenarbeit von Autoren, Dramaturgen und Regisseuren hat sich stark verändert, wozu übrigens auch der Rollenwechsel bzw. die Verflüssigung der Rollenbilder innerhalb dieser Konstellation gehört.

5. Wie entdecken Sie in Ihrer Arbeit als Dramaturg neue Autoren?

Indem ich versuche, meine Neugier auf neue Autoren wach zu halten. Durch lesen, lesen, lesen. Durch ein Seminar über zeitgenössische Dramatik an der Uni Freiburg, aus dem immer wieder Studierende mit Entdeckerlust kommen, die seit vier Jahren einmal pro Monat in einer lecture performance mit Schauspielern unseres Hauses neue Stücke präsentieren. Durch Gespräche mit engagierten Verlegern und mit Regisseuren, die Lust auf neue Stücke haben. Und durch die oben genannten Festivals in Mülheim, Heidelberg und jetzt Berlin.

6. Welches nicht eingeladene Stück hätten Sie persönlich in diesem Jahr gern in Mülheim gesehen?

Die Auswahl dieses Jahr ist sehr überzeugend und das finde ich erst mal toll, ohne gleichzeitig eine Vermisstenanzeige aufgeben zu wollen. Ich habe mich in dieser Spielzeit besonders gerne über das Stück Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang! von René Pollesch gestritten und hätte diese Diskussion gerne auch in Mülheim fortgesetzt. Und ich würde mich freuen, wenn die Erweiterung des Werkbegriffs, die z.B. 2007 mit der Preisverleihung an Rimini Protokoll in Mülheim gewürdigt wurde, auch weiterhin in der Auswahl Berücksichtigung fände.

7. Was war Ihr letztes bemerkenswertes Theatererlebnis?

Es gab drei sehr unterschiedliche. Das erste war die Performance von Christoph Schlingensief, der an einem Sonntag Morgen um 11 Uhr auf der Großen Bühne in Freiburg sein Opern-Projekt vorstellte und dabei ein volles Haus mit einem improvisierten Vortrag über Gott und die Welt und Christoph Schlingensief und das Theater und das Leben und den Tod so witzig und intelligent unterhielt, und dabei auf eine nur schwer beschreibbare Weise die Grenze zwischen Theater und Leben für mehr als zwei Stunden zum Verschwinden brachte.

Das zweite Erlebnis hatte ich vor dem Gastspiel der garajistanbul mit "Reporter" im Theater Freiburg, als ich sah, dass unsere aus der Türkei stammende Putzfrau hinter der Bühne unbedingt den türkischen Schauspieler sehen wollte, sich aber zunächst scheute, seine Vorstellung auch als Zuschauerin im Saal zu sehen. Auch nachdem ich ihr eine Karte besorgt hatte, kam sie nach wenigen Minuten wieder aus dem Foyer zurück und sagte nach langem Zögern, sie traue sich nicht unter die Menschen dort. Sie, die ein Mitglied des Theaters ist, sie, die diesen Raum täglich sauber macht, hatte das Gefühl, sie gehöre hier nicht dazu. Dass sie dann trotzdem mitgekommen ist und was sie durch ihr Zögern sichtbar gemacht hat, war mein vorletztes bemerkenswertes Theatererlebnis.

Das letzte war das Gastspiel des Beit Lessin Theaters aus Tel Aviv, das letzte Woche im Theater Freiburg, vis à vis der alten Universität, ein Stück über die Geschichte von Hannah Arendt und Martin Heidegger spielte. Diese Geschichte an diesem Ort, dargestellt von israelischen Schauspielern in hebräischer Sprache, hat beim Publikum eine so intensive Beteiligung hervorgerufen, wie ich sie selten im Theater erlebt habe.

 

Hier antworten die übrigen Mitglieder der Preisjury.

 

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