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Publikumsgespräch zu Nis-Momme Stockmanns "Kein Schiff wird kommen"

Der provokante Harmonisierer

von Dina Netz

20. Mai 2010. Nis-Momme Stockmann hat den Theaterbetrieb in den vergangenen zwei Wochen provoziert und zum Teil verärgert: Mit seinen auf diesem Portal veröffentlichten Thesen über den Zynismus der Kritikerkultur und den Mangel an Liebe auf dem Theater. Und als Mitglied der dreiköpfigen Jury des Heidelberger Stückemarktes, die in Ermangelung eines einzelnen Preiswürdigen das Preisgeld auf alle teilnehmenden Dramatiker aufteilte.

Brüskierend, elaboriert, selbstironisch

Nach so viel auch brüskierender Stellungnahme wundert man sich beinahe über Nis-Momme Stockmanns erste Handlung, noch bevor das Publikumsgespräch im Theater an der Ruhr beginnt: Er sieht, dass die drei Schauspieler, die in Kein Schiff wird kommen spielen, bereits auf dem Podium sitzen – alle drei auf einer Seite des Tisches. Für ihn ist noch der Platz neben dem Stuttgarter Chefdramaturgen Jörg Bochow frei. Kurzerhand tauscht Stockmann mit dem Schauspieler Matthias Kelle den Platz, damit keine Dichotomie zwischen den Theater-Planern und -Ausführenden entsteht. Haben wir es am Ende mit einem Harmonisierer zu tun?

Das Zweite, was auffällt, sind die elaborierten Sätze, die er scheinbar mühelos aneinanderreiht. Und so dominiert Nis-Momme Stockmann fast notwendig die Diskussion, ohne sie dabei an sich zu reißen. Als die Schauspielerin Lisa Wildmann ihm einmal widerspricht, beginnt sie mit den Worten: "Ich rede nicht so gut wie du, aber..."

Und das dritte markante Charakteristikum ist eine gehörige Portion Selbstironie. Als Moderator Gerhard Jörder Stockmanns Biographie referiert und zu der Frage kommt, warum er eigentlich "Sprache und Kultur Tibets" studiert habe, antwortet Stockmann trocken: "Weil meine Freundin schwanger war, wir das Bafög brauchten und ich ein Fach gesucht habe, wo ich auf jeden Fall einen Platz kriegte." Danach wollte er dann "was Vernünftiges" machen und lernte Koch, "die kolossalste Schnapsidee meiner Biographie". Auf Jörders Frage, ob er nicht in Sorge sei, dass seine plötzliche Karriere als Dramatiker genau so plötzlich zu Ende sein könne: "Wenn man das einige Jahre gemacht hat, sattelt man vielleicht um auf Regie oder Einzelhandelskaufmann."

Eine Wohltat für den Theaterbetrieb

Nis-Momme Stockmann ist eine Wohltat für den Theaterbetrieb, weil er ihn mit seinen pointierten Thesen und seinen facettenreichen Texten belebt und dabei eine gesunde Semi-Distanz zum Betrieb und zu sich selbst bewahrt. Obwohl Moderator Gerhard Jörder verspricht, nicht zu viel Zeit auf die auf nachtkritik.de dokumentierte Debatte zu verwenden, geht es einige Zeit lang doch darum: Dass Stockmann mehr Liebe, mehr Pathos auf den Bühnen sehen will. Und dass wir wegkommen sollten von unserer Gut-Schlecht-Bewertungskultur, denn "irgendetwas kann ich an jedem Theaterabend entdecken".

Wobei hier auch schnell klar wird, dass diese Thesen im Gespräch auf Grenzen stoßen, denn alle benutzen dieselben Begriffe und meinen doch anderes: Lisa Wildmann zum Beispiel ist das Bewerten wichtig, denn "ich muss Selektieren, sonst werde ich verrückt". Und Dramaturg Bochow sieht "genug Emotionalität auf den Bühnen".

Vielschichtigkeit statt Reißbrett

Die Inszenierung von "Kein Schiff wird kommen", erzählt Stockmann dann konkret zur Stuttgarter Uraufführung, habe er sich nachdenklicher, stiller, meditativer vorgestellt als die von Annette Pullen – worin ihn ein Zuschauer vehement unterstützt. Wahrscheinlich sieht Stockmann gerade die Regietheater-Diskussion auf sich zurollen, als er eilig hinzufügt: "Der Reiz ist gerade die Umdeutung, die Verknüpfung mit einem Team. Das ist die Chance von Theater. Es wäre doch unglaublich öde, wenn ein Stück genau so rauskäme, wie ich's mir am Reißbrett gedacht habe." Einer der vielen Widersprüche an diesem Abend ist, dass Stockmann gleich darauf betont, er habe mit dem Dramaturgen John von Düffel vom Deutschen Theater Berlin eine "großartige Arbeitsbeziehung" – gemeinsam erarbeiten sie eine sehr texttreue Fassung für die kommende Spielzeit.

Das Publikum kommt noch einmal in Fahrt, als Stockmann über das Thema von "Ein Schiff wird kommen" spricht. Dem Autor ging es darum zu zeigen, unter welchen Bedingungen Kultur hergestellt wird, wie der Markt Kultur beeinflusst und wie wichtig die Diversität unserer Diskurse ist.

Die sich zu Wort meldenden Zuschauer haben das Stück eher anders wahrgenommen, nämlich als die Geschichte "eines jungen Menschen auf der Suche nach einem Lebensentwurf, der auf seine persönliche Geschichte zurückgeworfen wird". Eine Dame präzisiert: sie habe die Vater-Sohn-Beziehung fasziniert, "wie sie aneinander vorbeigeredet haben, sich nicht erreichen". Und eine andere ergänzt: "Das Theaterthema war im Stück eher eine Randerscheinung." Wie zu Beginn zeigt sich Stockmann schließlich als Harmonisierer: Es gebe mehrere Themen im Text, die alle ineinander übergingen. Schauspieler Matthias Kelle springt ihm bei: "Die große Qualität des Stücks ist eben seine Vielschichtigkeit."

Der Preis für das spannendste Publikumsgespräch jedenfalls dürfte schon vergeben sein.

 

Mehr zu Nis-Momme Stockmann.

 

Kommentare (1)

24. Mai 2010, 22:05
Heike Vinkenflügel: Der Schrei - Deine Stimme
„Der Schrei – Deine Stimme!“
von Heike Vinkenflügel

Nicht nur, dass das Thema „Schreien die SchauspielerInnen in den Stücken nur noch?“ nicht im verschriftlichten Publikumsgespräch erwähnt wird, ist ein Schrei, sondern auch, dass die Mutter nicht mehr kocht, die Küche leer ist, sie stirbt, und dass die Vater- Sohn- Beziehung in zwei verschiedene Schichten auseinander klappt. Zwar werten einige Anwesende im Publikumgespräch das Schreien von Sätze und Wörter während einer Aufführung nicht als negativ, aber Schreien ist immer ein Hinweis auf Missstände, darauf „Was passiert nachdem die Mutter gestorben ist?- persönlich und familiär gesehen oder sogar in ihrer gesamtgesellschaftliche Rolle, denn - die „Mutter“ und die „Familie“ wird es nach der gesamten Geschlechterdiskussionen in der Gesellschaft in Zukunft nicht mehr geben. Was bleibt ist der Schrei nach einer anderen Vater- Sohn-Beziehung.

Ebenso schreit das Stück danach, eine Lösung zu finden, wie gesellschaftlich aufsteigende Unterschichtskinder ihren Weg finden können. Der Vater, der als etwas verunsicherter „Unterschichtsvater“ seine Rolle hervorragend geschauspielert hat, kann seinen Sohn nicht unterstützen, nicht bei der Stoffsuche für sein zu schreibendes Drama über den Mauerfall, er – als Inselbewohner. Ebenso findet er zu weinig Hilfe für seine Dramenarbeit in obere Schichten. Was bleibt ist der Schrei, die Suche nach einer Art von Aufmerksamkeit, um gehört zu werden, um nach Hilfe zu bitten, die nirgends gehört wird. „Der Schrei – Deine Stimme!“, denn „Kein Schiff wird kommen“.

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