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die beteiligten – Kathrin Röggla nimmt den Fall Natascha Kampusch medienkritisch unter die Lupe

Das Gerede der anderen

von Esther Boldt

In der zweiten Reihe tratscht es sich bestens. Dort, wohin nur gefährliches Halbwissen durchsickert, wo es sich monströs aufblähen und zur imposanten Chimäre werden kann. In der zweiten Reihe treffen sich lauter unzuverlässige Zeugen und nicht-integere Figuren, Vampire, die vom Leben der Anderen zehren: Der Quasifreund, der Möchtegern-Journalist, die Pseudopsychologin, die Irgendwie-Nachbarin, die "optimale" 14-jährige und das gefallene Nachwuchstalent.

Lauter Pseudos und Pappnasen also, deren Beziehung zum Geschehen zumindest ungeklärt ist, vermutlich aber nicht mehr als eine blanke Behauptung. Doch das hindert sie keinesfalls daran, im appellhaft-lamentierenden Dringlichkeitston kräftig mitzuplappern, sich total betroffen und vollkommen angesprochen zu fühlen.

Der Konjunktiv-Effekt

In ihrem Stück "die beteiligten" hat Kathrin Röggla den Fall Natascha Kampusch kunstvoll verbraten – oder vielmehr den Mediensturm, den er im Sommer 2006 entfachte. Denn Kampusch, die als 10-jährige entführt und acht Jahre lang gefangen gehalten wurde, wollte ihre Rezeption nicht aus der Hand geben, sondern selbst bestimmen. So wurde sie zum öffentlichen Streitfall: auf der einen Seite die, die sich sensationslüstern auf sie stürzten, auf der anderen die überraschend eloquenten und entschiedenen Interventionen des "Opfers" selbst.

Das Echo der Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren ein beliebtes Spielfeld von Röggla, in ihrer Konjunktiv-Prosa herrscht das Secondhandwissen. Und obgleich der Namen Kampusch im Stück keinmal fällt, kann man sich auf das kollektive Gedächtnis verlassen. Darauf, dass die Theaterzuschauer wissen, wer gemeint ist.

Die Hauptfigur selbst ist abwesend, um die leere Mitte herum bringen sich die sechs Figuren in Position, stets in indirekter Rede sprechend. Dieser grammatikalische Trick korrespondiert mit der zweiten Reihe: Es gibt keine Unmittelbarkeit, alles ist Effekt, Schall und Rauch. Aus den Mündern der "beteiligten" spricht die Frau, deren Fall hier aufgewickelt werden soll, ohne dass sie selbst aufträte. "keine sorge, man werde mich verstehen", heißt es da, und "das sei doch gar nicht ich". Wer sie nämlich ist, das glauben alle besser zu wissen als sie selbst.

Meinungsumschwung

Rögglas Stück besteht aus dem fortlaufenden Austausch von Meinungen und Diagnosen inklusive Problemlösungsvorschlägen der Beobachter, deren Verhältnis zur Betroffenen im Laufe des Stückes wechselt: Von Sympathiebekundungen und den Versuchen, Nähe zu ihr und ihrer attraktiven Popularität herzustellen, bis zu wachsender Entfremdung, die mit dem Gefühl des Zurückgewiesen-Werdens und dem Umschwung der öffentlichen Meinung einhergeht. Der Fall Kampusch strahlt nicht derart in ihr Leben zurück, wie die "beteiligten" sich das vorgestellt haben.

Da schlagen die Beschwörungsformeln in Drohreden um, ihre konkurrierenden Expertenstimmen und Nähebezeugungen werden aggressiv: Der Quasifreund beteuert, "er lasse mich nicht fallen". Und die "optimale" 14-jährige fällt ihm ins Wort: "aber warum habe sie den eindruck, sie lasse mich noch viel mehr nicht fallen?" Und später pöbelt die Irgendwie-Nachbarin den Möchtegern-Journalisten an: "er tue ja so, als stehe er in direktkontakt." Steht er natürlich nicht, wie niemand in dieser Brigade.

Die Katastrophe schweißt zusammen

Denn in diesem Krisengebiet geht es nicht um Wahrheitsfindung, sondern um Meinungsproduktion. Das Krisengebiet ist die Öffentlichkeit. Wie in vorangehenden Texten, etwa in dem jüngst erschienenen Erzählband "die alarmbereiten", interessiert sich Röggla für den Katastrophensound der Gegenwart. Nachdem mit dem Kalten Krieg die letzten gesellschaftsstiftenden Ideologien abhanden gekommen sind und Religion schon lange keine sinngebende Funktion mehr innehat, so eine Theorie, bleibt uns als letzter gemeinsamer Nenner die Katastrophe – heiße sie nun 9/11, Hurrikan Katrina oder eben Natascha Kampusch. Das Desaster schweißt uns zusammen, es bietet Gesprächsstoff und Identifikationsmöglichkeiten, ihm kommt eine nahezu sublimierende Funktion zu.

Im medialen Krisengebiet treffen sich selbsternannte Propheten, vermeintliche Experten und andere Krisengewinnler. Sie beten der Öffentlichkeit vor, wie die Katastrophe zu verstehen sei und stellen sie in einen größeren Kontext – Irrtümer und Widersprüche nicht ausgeschlossen. Die Fähigkeit, selbst zu urteilen, haben Fernsehzuschauer, Zeitungsleser, Radiohörer längst an diese mutmaßlichen Kompetenzpersonen abgegeben, deren Überzeugungen und Meinungen sie lediglich wiederkäuen – so die düstere Diagnose der Autorin in ihrem frappierenden, aber auch hochkomischen und temporeichen Text.

Aus Augenzeugen werden Bilderzeugen

Die abwesende Zentralfigur wird mit Namen und Bezeichnungen belegt, ihr Befinden und Verhalten werden notiert, interpretiert und kommentiert – nicht auf der Basis des eigenen Augenscheins, versteht sich, sondern des Medien-Geflirres. Heißt es doch schon im Prolog: "was heißt hier, man erinnere sich nicht? er habe das noch gut vor augen: dies foto mit dem mädchen im kleid..." Aus Augenzeugen werden Bilderzeugen, die in ihren Textflächen kollektives Diskursgeplapper (re)produzieren.

Ein direkter, unverstellter Kontakt zum Gegenstand ist in dieser Welt weder möglich noch erwünscht. Wieso sich eine eigene Meinung bilden, wenn die Kontextaufklärer und (Ohnmachts)Phrasendrescher diese mühsame Arbeit für einen erledigen? Sie sind es auch, die die Kampusch zum Gegenstand öffentlichen Interesses erklären, zum Kollektivphänomen.

Die reinste Tratschgeburt

So spukt die Protagonistin nur im Gerede der Anderen. Ihre persönliche Geschichte wird einem kollektiven Enteignungsverfahren unterzogen – nicht zuletzt, um die Langweiligkeit des eigenen Lebens der Nachbarin oder des Freundes aufzupeppen. So schreiben ihr die Secondhand-Zeugen stets neue Rollen zu, starten immer neue Interpretationsgesuche: Sie sei "Die Überlebende", "Der richtige Popstar", "Die menschlich Liegengebliebene", "Die tapfere Frau", "Die Fremdwörterbenutzerin", "Das Opfer", "Die Geldanlage", "Der Schnee von gestern", "Das Monster" und, natürlich: "Der Präzedenzfall".

Das Medienecho wird zum Selbstzweck und sein Gegenstand zur reinsten Tratschgeburt. Und das Perpetuum mobile des Medienrummels bleibt niemals stehen: Am Schluss des Stückes tauchen neue Bilder auf, Gesprächsstoff und Prophezeiungen zu sichern. Der Möchtegern-Journalist: "und jetzt kämen sie auch schon, die ersten bilder." Alle: "wahnsinn!" Schon ist auch Natascha Kampusch nur noch eine der vielen, die durchrauscht – und die Beteiligten finden schnell eine neue Beteiligung.

 

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