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Kommentar zur Jurydebatte
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Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergabe der 35. Mülheimer Theatertage

Politisch relevantes Virtuosentum?

5. Juni 2010. Unterschiedlich bewerten die Pressevertreter die Juryentscheidung für Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache". Während die einen finden, der Autor hätte den Dramatikerpreis eigentlich schon viel früher verdient, meinen die anderen, die Jury hätte sich hier auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt. Wir kommentierten die Jurydebatte so.

Stefan Keim
berichtet in der Frankfurter Rundschau (5.6.2010) von der Preisentscheidung. Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache" habe die Jury durch seine "perfekte Konstruktion", die Arbeit mit Metaphern, Parabeln und Märchen, vor allem aber durch seine "politischen Relevanz" überzeugt. Erzähle es doch "von der wachsenden Gruppe der Migranten". Für Keim selbst ist es "eine der reifsten und präzisesten Arbeiten Schimmelpfennigs, allerdings nicht das innovativste", da er die "Technik der ausgefeilten Verschachtelung der Spielebenen" schon vor Längerem entwickelt habe. Insgesamt war es für den Kritiker "ein starker Jahrgang", allerdings ohne den "herausragenden Text, der alle anderen dominiert. Wenn man nicht zu den harten Fans von Elfriede Jelinek gehört", die "wieder einmal Grenzen sprengt und grandiose Verdichtungen mit Kalauern kombiniert". Selten sei in Mülheim "so viel gelobt" worden: die "sprachliche Feinheit" Ewald Palmetshofer, die "Selbstironie und literarische Qualität" von Nis-Momme Stockmann, Kathrin Rögglas "halbdokumentarische Aufarbeitung" des Kampusch-Falles, die "Authentizität 'plebejischer' Figuren, die sonst oft keine Sprache haben" bei Dirk Laucke. Hier möchte Keim der Jurorin Katja Lange-Müller zustimmen: Laucke schreibe "so nah dran an einfachen Leuten wie gegenwärtig kein anderer" und finde wie Horváth "einen Ton, dessen Kunstfertigkeit erst beim zweiten Hören auffällt". Die anderen Juroren hätten sich "mehr für die ästhetisch ausgefeilteren Texte" interessiert. "Wobei fast keinem Stück gesellschaftliche Relevanz fehlt: eine erfreuliche Entwicklung nach Jahren der Nabelschau."

Margitta Ulbricht
würdigt das Gesamttableau auf dem Portal Der Westen (4.6.2010) ebenfalls als eine "starke Auswahl feinster neuer Dramatik: Ein guter Jahrgang". Komplexe Stücke in "facettenreichen Inszenierungen" hätten das Publikum "durch Höhen und Tiefen einer immer stärker globalisierten Gesellschaft" geführt. Die knapp zweistündige Jurydebatte sei "unaufgeregt und mit stichhaltigen Argumenten" über die Bühne gegangen. "Nein, nicht schon wieder die Jelinek!", hate Ulbricht es, wie sie in einem zweiten Text auf demselben Online-Portal schreibt, "im Vorfeld" raunen hören, "obwohl das Stück äußerst preisverdächtig war". Und so "kam's wie es kommen musste: Denkbar knapp fiel nachts um halb eins die Entscheidung der Jury" zugunsten des "berührenden, globalen Sozialdramas" von Schimmelfpennig, der in Mülheim immer wieder "haarscharf am Preis vorbeigeschrappt" sei. "Für wen das Herz der Zuschauer schlägt", liege mit dem Publikumspreis für Dea Loher "klar auf der Hand". "Leben lernen", damit täten sich Lohers "an den Rand der Gesellschaft gedrängten Figuren" schwer". Es seien "mal wieder die kleinen Leute", denen Loher "mit einem liebevollen Blick eine große Bühne gibt". Die Autorin zeige sich "von einer ganz neuen Seite", indem "Diebe" "ins Heitere, ja fast ins Boulevardeske mit brüllend komischen Szenen" abdrehe.

"Wenn es Dramatikern gelingt, den brisanten Themen ihrer Gegenwart packende Geschichten abzuringen, die in Sprache und Form Eigensinn entfalten, dann ist Theater auf der Höhe der Zeit", schreibt Dorothee Krings in der Rheinische Post (5.6.2010). Schimmelpfennig sei dies mit "Der goldene Drache" gelungen, denn "das Stück handelt nicht nur von den Zumutungen der Globalisierung, von Ausbeutung, ohnmächtigen Einwanderern, Zwangsprostitution. Es ist zugleich ein raffiniertes Sprachwerk, in dem sieben Darsteller in 17 Rollen schlüpfen. Und ein poetischer Text dazu, denn die Handlung ist durchwirkt von einer Tierfabel, in der das Geschehen märchenhaft verschlüsselt ist." Die Kritikerin schließt sich der Einschätzung der Jury an, dass die deutschsprachige Gegenwartsdramatik "mehr Gewicht" erlange, dass es "wieder um was" gehe. "Und obwohl zeitgenössische Dramatiker sich mit Migration und Kapitalismuskritik, mit der Lebensangst und Sinnsuche fundamental irritierter Menschen beschäftigen, fabrizieren sie kein Thesentheater oder biederen Bühnenrealismus, sondern Stücke, in denen man Dringlichkeit spürt. Und Leben", so die Bestandsaufnahme des Festivals. Zu erleben gewesen seien "Stücke, die dazu klugen Formwillen verraten, anspruchsvolle Künstlichkeit. Und Stücke, in denen Sprache so artistisch behandelt wird, dass sie es verdienen, auf der Bühne gesprochen zu werden."

In der Neuen Zürcher Zeitung (5.6.2010) bezeichnet Dirk Pilz das Votum für Schimmelpfennig als "eine programmatische Entscheidung" und als einen "Sieg des Virtuosentums über die inhaltliche Schärfe". Der Autor greife "zwar das brisante Thema illegaler Einwanderschaft" auf, organisiere aber "kaum mehr als Kuriositäten, wenn nicht Kitschpartikel aus dem weiten Feld der interkulturellen Konflikte". Am Ende werde "der eurozentristische Blick eher wohlfeil bestätigt als transparent gemacht und darin kritisch befragt". Da "das poetische und szenische Verfahren" zum Stoff "eine rein äußerliche Verbindung" habe und sich "wahllos auf gänzlich andere, austauschbare Inhalte anwenden" lasse, ziehe es sich den Verdacht des "manierierten Kunstgewerbes" zu. So habe die Preisjury "über die inhaltliche, überaus problematische Stoßrichtung des Stückes" auch "kaum ein Wort" verloren. Am Mülheimer "Festivalhöhepunkt", der Jurydebatte, lasse sich stets auch ablesen, "welche Kriterien jeweils hoffähig sind". Es überrascht den Kritiker, dass Jelineks "unerhört tiefenschichtiges Prosablockdrama" sich nicht durchsetzen konnte. "Ist ihr Klage- und Wutgesang über die Macht der Banker, die Dummheit der Gläubiger und die Gottähnlichkeit des Geldes bloßer eindimensionaler Zeitgeistausfluss? Ist es nicht zugleich ein präzises Porträt gegenwärtigen Denkens und Fürchtens?" Jede Jury-Debatte verhandele implizit die Frage, "was man von der Gegenwartsdramatik zu hoffen wünscht", worüber in der Szene gerade heftig gestritten werde. Die Maßstäbe für ein gutes Theaterstück müssen "immer wieder neu ausgehandelt werden – mit offenem Ausgang". In diesem Sinne suche die Entscheidung für Schimmelpfennig "Halt im kleinsten gemeinsamen Nenner, im Lob der stilistischen Virtuosität".

 

Hier lesen Sie unseren Kommentar zur Jurydebatte. Und hier einen Überblick zum Tableau der nominierten "Stücke", der einen Realismus der kleinen Anzeichen konstatiert.

 

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