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Sieben Fragen an...

Vasco Boenisch


Vasco Boenisch, Dr. phil., Theaterkritiker, Bochum

Geboren 1980 in Berlin. Studium der Journalistik, Politik, Theaterwissenschaft und Soziologie in München, Redakteursausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Schreibt v. a. für die Süddeutsche Zeitung und ist Redakteur beim WDR Fernsehen für die Kulturmagazine west.art (WDR) und ttt titel thesen temperamente (Das Erste). Juror des Berliner Theatertreffens 2011 bis 2013. Autor mehrerer Sachbücher, zuletzt "Krise der Kritik? Was Theaterkritiker denken - und ihre Leser erwarten" (Theater der Zeit, 2008).


1. Wie sind Sie in der Vergangenheit mit den Mülheimer Theatertagen in Berührung gekommen?

Von Bochum ist es nur ein Katzensprung, und doch sind die "Stücke" eine Welt für sich. Freundlich, ja: freundschaftlich. Entspannt und fachkundig zugleich. So haben die "Stücke" mehr mich berührt als umgekehrt. – Einige der besten Dramen und Inszenierungen habe ich hier in den vergangenen Jahren gesehen und nie die elitäre Attitüde einer "Leistungsschau" gespürt. Und wenn ich gegenüber Freunden dennoch vom Mai als meinem "Horrormonat" spreche, dann liegt das an dem unglücklichen Umstand, dass da ja auch noch das Theatertreffen, die Ruhrfestspiele und die regulären Premieren stattfinden; Theatergucken im Akkord. Wenn ich dann abgehetzt in der Mülheimer Stadthalle ankomme, atemlos im Foyer meine Karte in Empfang nehme, aus dem Augenwinkel an der Bar noch den Autor des Abends wahrnehme, während auf der Treppe nach oben Udo Balzer lächelnd um die Ecke biegt, dann umgibt mich sofort wieder jene souverän vertrauensvolle Atmosphäre. Eine Episode verdeutlicht den besonderen Charakter der "Stücke" ganz gut: Vor einigen Jahren, ich glaube, es war sogar mein erstes Jahr in Mülheim, fiel der Abend der Schlussdiskussion in die Nacht zu meinem Geburtstag, was ich im Verlauf der Wochen irgendwann mal erwähnt haben muss. Als Stephanie Steinberg dann nach Mitternacht die Preisträger-Pressemitteilung versandte, fügt sie an mich noch herzliche Glückwünsche an - und das war keine PR-Schmeichelei, sondern einfach eine persönliche, aufmerksame Geste. Freundlich, ja: freundschaftlich eben.

2. Was ist spezifisch am Blick eines Theaterkritikers auf Theaterstücke?

Der Schriftsteller blickt mit den Augen des Autors, der Dramaturg mit denen des Theaters, der Kritiker mit denen des Zuschauers. Der Schriftsteller ist Experte für Sprache und Stil, der Dramaturg für Spannungsbögen und Spielbarkeit, der Kritiker für Wirkung und Relevanz. Wird das selbst gesteckte Ziel erreicht, und wie zwingend ist dies überhaupt zurzeit? Was hat das Stück dem Publikum zu sagen, und kommt die Botschaft an? - Um das zu beurteilen, muss man freilich genauso die literarische und dramaturgische Qualität im Blick haben.

3. Was macht für Sie ein gutes Theaterstück aus?

Ein gutes Theaterstück funktioniert, fasziniert, bewegt. Ein sehr gutes überdauert, besitzt bei aller Eigenart etwas Gültiges, womit es auch in Jahrzehnten noch funktioniert, fasziniert, bewegt. - Was dazu gehört? Manchmal sprachliche Geschliffenheit, manchmal lakonische Spröde. Manchmal große Emotionen, manchmal steile Thesen, manchmal treffsichere Pointen, manchmal berührende Alltagsbeobachtungen. Manchmal fetzige Dia-, manchmal leise Monologe, manchmal epische Textmassen. Manchmal Charme, manchmal Autorität. Manchmal präzise Reduktion, manchmal erschlagende Redundanz, manchmal neue Perspektiven, manchmal alte Weisheiten. Manchmal Schauspielerfutter, manchmal Diskursware. Manchmal Trash, manchmal hehre Kunst. Immer: Klasse. So leicht, so schwer.

4. Welchen Stellenwert besitzen Uraufführungen neuer Stücke im Alltagsgeschäft eines Kritikers?

Einen großen, manchmal zu großen. Aber es gehört nun mal zum Wesen des Journalismus, dass das unbekannte Neue meist größeren Nachrichtenwert besitzt als das variierte Bewährte. Wer das kritisiert, missversteht, was massenmediale Theaterkritik ist. Und wer es durchschaut, führt uns Kritiker manchmal am Ring durch die Manege. Nicht jeder dramatisierte Roman ist eine Uraufführung, nicht jedes Schreibseminar produziert Genies am laufenden Band. Und nicht jedes Talent hat schon so viel erlebt, dass es darüber jährlich drei Dramen schreiben sollte. (Aber häufig muss, um über die Runden zu kommen.) - Respekt vor dem Auswahlgremium, das für die "Stücke" eine Qualitätsschneise in den Uraufführungsdschungel schlägt.

5. Welche Rolle spielt für Sie die Inszenierung bei der Einschätzung eines neuen Stücks?

In der Regel lese ich zuerst den Text, und mit einiger Erfahrung kann man dessen Qualität auch gut trocken, also in grauer Theorie beurteilen. Mehr noch: Bestimmte literarische Schwächen treten beim stillen Lesen oft deutlicher hervor. Andererseits sollten die Stücke ja fürs Spielen geschrieben werden, sprich: Die Aufführung ist der Lackmustest. Und bei Autoren wie Elfriede Jelinek sogar eine offensiv eingefordete Ko-Autorenschaft. – Will sagen: Die Aufführung ist wichtig, kann Texte auf- wie abwerten, beleben oder beerdigen, am Ende gilt aber das gedruckte Wort. Zumindest bei diesem Wettbewerb, so ist es gerecht.

6. Welches nicht eingeladene Stück hätten Sie persönlich in diesem Jahr gern in Mülheim gesehen?

Ich fand auch Philipp Löhles "Die Unsicherheit der Sachlage", Juliane Kanns "Ein Fuchs reißt Kaninchen" und René Polleschs "Ruhrtrilogie Teil 2" diskutabel, aber vielleicht doch nicht so stark, als dass sie zu den Top Sieben gehört hätten. Insofern macht die jetzige Auswahl auf mich einen plausiblen Eindruck. Alles Weitere sehen wir dann am 3. Juni...

7. Was war Ihr letztes bemerkenswertes Theatererlebnis?

Das gepflegte, augenscheinlich wohl situierte Enddreißiger-Pärchen im Parkett des Düsseldorfer Schauspielhauses, das während Romeo und Julia mit seinen Handys aus der dritten Reihe unablässig Fotos und Videos machte. - Aber im Ernst: Mein jüngstes bemerkenswertes Theatererlebnis (Stand 11. Mai 2010) war tatsächlich das Nature Theater of Oklahoma mit seiner Performance Life and Times - Episode 1 beim Theatertreffen. Was ich sonst als Quasi-Uraufführungen empfehlen kann, sind zwei wunderbar leise berührende Abende von Frank Abt: "Superstars" am Schauspielhaus Bochum und Glaube Liebe Hoffnung - Geschichten von hier am Deutschen Theater in Berlin.

 

Hier antworten die übrigen Mitglieder der Preisjury.

 

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