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Der Shorty 2 oder ein Countdown in Shorties – zu Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns"

Der Rest von uns ist Bank

von Anne Peter

19:00 Uhr – noch 99 Seiten

Mülheim, 18. Mai 2010.
Nicolas Stemann stellt sein Team als eine "Eingreiftruppe" vor, erläutert die digitale Seiten-Runterzähl-Anzeige und schwört das Publikum ein: Es wird ein langer Abend, dreieinhalb bis vier Stunden ("Tendenz eher steigend"). Der Trost: Man kann zu jeder Zeit den Saal verlassen. Das Überraschende: In der ersten Stunde macht kaum jemand von dem Angebot Gebrauch, später gibt es Schlangen beim Catering. Speisen und Getränke können ausnahmsweise mit rein genommen werden. "Nur bitte auf die Polster aufpassen, aber das kennen Sie ja von zu Hause". Und hören kann man den Text bis in die Toiletten.

Auftaktszene: Die Bühnenarbeiter räumen den geprellten Kleinanlegern (Therese Dürrenberger und Ralf Harster) erst Tischchen, dann Stehlampe, dann Sofa unterm Hintern weg. Der Zweierchor heult auf: "Wären es bloß andere als wir gewesen!"

Die erste Gruppenszene mit Wallungswert schwappt im Crescendo über die Rampe. Hysterisch verzweifelt fragen sich die orientierungslosen Konsumenten: "Oje, was sollen wir in unseren Einkaufskorb, den uns die Inflation annagt, der uns die Inflation ansagt (...) jetzt legen?, bevor die Inflation deflationiert, implodiert?" Am Ende in Wut zerknülltes Papier. Erster Zwischenapplaus.

19:40 Uhr –
noch 85 Seiten

15 Seiten sind geschafft. Daniel Lommatzsch verkauft uns in der so leicht einlullenden Pose des vertrauenswürdigen Bankberaters Sätze wie diesen: "Unser Zweck ist, Ihnen zu nehmen". Alsbald legt Patricia Ziolkowska mit reizendem Lippenstift-Mund nach: "Wir haben Ihnen etwas versprochen, das wir gar nicht haben versprechen können, Entschuldigung, wir haben uns versprochen!" Ups.

Wenn man zur Europa- und Geld-Anbetung niederkniet, kippt die Sprachmelodie ins Liturgische. Hat Jelinek im Voraus gar die Griechenland-Krise hineingewoben? "Europa. Geld unser Gott, bei dem wir sind, nur das Geld werden wir dort nicht wieder finden, obwohl es doch unser Abgott war." Dazu werden Schlagzeilen von Aschewolke bis Euro-Rettungspaket auf die Großleinwand im Hintergrund projiziert. Vom aktuellen ZEIT-Titelbild tobt der Stier der Wall Street.

20:00 Uhr


Die erste Zuschauerin schlängelt sich nach draußen.

20:07 Uhr –
noch 74 Seiten

Das Mantra "Sie gehören der Bank" groovt sich zum Song hoch. Zweiter Zwischenapplaus.

20:18 Uhr
noch 66 Seiten

Während die Zuschauer der ersten Parkettreihen Stemanns Aufforderung Folge leisten und – für die Dauer von Seite 66 bis 64 – den Choral "Der Rest von uns ist Bank" im Loop durchzusingen (!), stopft sich die bewundernswerte Franziska Hartmann in schlagender Sinnbildlichkeit der Gier Geldschein um Geldschein in den Mund, bekommt den Hals natürlich nicht voll und kriegt es trotzdem hin, Jelinek-Sätze hervorzustoßen. Auf den Videowänden quillt ihr eindrucksvoll der Pappbrei aus dem Mund. Die Geldschein-Roll-Zigarre passt aber noch rein.

20:20 Uhr


Kollege Rakow holt uns Bier und Weißwein.

(...)

Auch Appetit bekommen? Hier folgt die Fortsetzung des Abends.

 

(Teil 2Teil 3)