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Für alle reicht es nicht – Dirk Laucke mutet seinen sympathischen Losern eine moralische Belastungsprobe universalen Ausmaßes zu

Die noch kürzer Gekommenen

von Wolfgang Behrens

"Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich", sagt die Karoline in Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline". "ich muss meinen traum zusammen halten, du arschloch", sagt der Heiner in Dirk Lauckes "Für alle reicht es nicht". Karoline und Heiner, das sind Leute, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren sind. Kleine Leute, wie man früher gerne gesagt hat - heute verwendet man lieber Begriffe wie Prekariat oder Unterschicht. Leute jedenfalls, für die das Wort Perspektive tatsächlich ein Fremdwort bleibt und deren nicht ganz unberechtigte Angst es ist, dass das Leben weitergeht, "als wär man nie dabei gewesen" (so drückt es Karoline aus).

Oft genug ist der Blick, den unsere Gesellschaft auf diese kleinen Leute wirft, ein arroganter und zynischer: Man betrachtet sich ausgewählte Exemplare in Talkshows und weidet sich dort an ihren grellen Seelenstrips. Das so gewonnene Zerrbild trägt man dann in die Welt, und mitunter landet es so – als bös entstellte Karikatur – auch auf dem Theater. Dirk Laucke jedoch teilt diesen Blick nicht, sein Blick ist ein Horváth'scher: Voller Empathie und ohne jede Häme zeichnet er seine Charaktere; Lauckes Anteilnahme und Verständnis bleiben auch dann noch spürbar, wenn sich seine Figuren auf die schiefe Bahn oder sonstige Abwege begeben.

Sehnsucht nach dem irgendwie guten Leben

So war es beim Getränkekistenstapler Schorse, der in Lauckes Erstling "alter ford escort dunkelblau" (2007 nach Mülheim eingeladen) seinen eigenen, bei der Mutter lebenden Sohn entführt, um diesem das verheißene (Lego-)Land zu zeigen und dabei kaum über Bitterfeld hinauskommt. So war es bei Sven in "wir sind immer oben", der einem Neonazi im Affekt einen Stein ins Gesicht wirft (mit tödlichen Folgen), der aber trotzdem weiter – und natürlich vergeblich – an seinem Traum bastelt, in der Gartenlaube seiner Mutter einen Plattenladen aufzumachen. Alle Figuren Lauckes haben so eine Sehnsucht in sich nach einem irgendwie guten Leben, sie entwickeln mal liebenswerte, mal jämmerlich mickrige Utopien, für die sie mit ihrem kleinen Lebensmut und manchmal bis zur Halsstarrigkeit kämpfen – und an denen sie in aller Regelmäßigkeit scheitern.

Der ehemalige NVAler Heiner aus "Für alle reicht es nicht" – Lauckes Beitrag für das europaweite Theaterprojekt "After the Fall" des Goethe-Instituts – hat auch so eine Utopie. Er möchte aus seinem Erdbeerfeld eine Panzerbahn machen: "und die leute werden schlange stehen, um wieder panzer fahren zu dürfen." Jo wiederum, ein armseliger Zigarettenschmuggler an der deutsch-tschechischen Grenze, träumt vom ganz großen Deal mit illegal importierten CDs: "ich bin dran. ich hab da ne connecte, ich bin so nah dran." Und Jos Freundin, die vom ungerechten Leben hart gewordene Anna, wartet darauf, dass überhaupt einmal etwas Schönes passiert. Wenn schließlich noch alle Charaktere an ihren spezifischen Ost-West-Biographien samt resultierenden Deformationen herumzuschleppen haben, dann könnte man im Grunde denken: Laucke as usual (was bei einem noch nicht einmal 30jährigen Dramatiker zugegebenermaßen eine Frechheit wäre).

Moralisches Experiment

Doch dann mutet Laucke seinen so freundlich ins Bühnenleben geworfenen Helden plötzlich ein geradezu parabelhaftes und vielleicht auch ein wenig reißbrettartig entworfenes moralisches Experiment zu: Jo und Anna gabeln zufällig einen abgestellten Lkw auf, der eine Ladung "Kippen" enthält und damit für die beiden zum Riesending werden könnte - wären da nicht auch noch die Asiaten mit im Laderaum, abgemagerte Flüchtlinge, die offenbar den Machenschaften irgendwelcher Schleuserbanden zum Opfer gefallen sind: "chinamenschen. (...) chinesen, vietnamesen, keine ahnung. bestimmt zwanzig stück." Unversehens sehen sich die kleinen Utopien der kleinen Leute einer Belastungsprobe gleichsam universalen Ausmaßes ausgesetzt: Die Globalisierung konfrontiert die zu kurz Gekommenen mit den noch kürzer Gekommenen.

In den 1970er Jahren kam in Frankreich ein seltsamer Roman heraus, ein ziemlich fragwürdiges, außerhalb Deutschlands jedoch vielgelesenes Machwerk, das etwa der Vordenker des Kampfes der Kulturen, Samuel P. Huntington, zu seinen Lieblingsbüchern zählte. In "Le camp des saints" (dt. "Das Heerlager der Heiligen") entwarf der Romancier Jean Raspail die Vision, dass eine Million Inder unvermittelt vor den Küsten Frankreichs auftauchen, um ihr Recht auf Wohlstand einzufordern. Raspail schildert dies als ein Horrorszenario der westlichen Welt. Indem er den Abendländern Individualität zugesteht, die Inder hingegen nur als amorphe Masse auftreten lässt, bezieht der Autor unmissverständlich Stellung: das Individuum westlichen Zuschnitts ist zu schützen, für alle reicht es nicht.

Weltpolitisch aufgeladenes Flüchtlingsdrama

Vermutlich ohne Raspail zu kennen, übernimmt Laucke dessen dramaturgischen Kniff: Die "Chinamenschen" sind im Personenverzeichnis nicht vorgesehen, sie verharren als eine gesichtslose, unsichtbare Gruppe im Lkw und bleiben für den Zuschauer abstrakt. Laucke indes verbindet damit – anders als Raspail – keine denunziatorische Absicht, vielmehr führt er seine Figuren paradigmatisch in das Konfliktfeld zwischen individueller und überindividueller Moral: Wären sie in ihrer kleinen Welt vielleicht noch zu unmittelbaren ethischen Handlungen fähig, versagen ihre moralischen Instinkte angesichts des plötzlich aufreißenden, gewissermaßen weltpolitisch aufgeladenen Flüchtlingsdramas komplett. "hauptsache die verschwinden schnell wieder" oder "noch ein ausländer mehr und noch einer. reichts nich dass wir deutschen uns ankacken" lauten ihre hilflosen Statements.

Laucke gelingt so etwas äußerst Merkwürdiges und wohl auch etwas sehr Seltenes: Auf der einen Seite begleitet er uns – wie in seinen früheren Stücken – in ein sehr konkretes Milieu, das er wie kaum ein anderer durch eine jeden Fernsehrealismus hinter sich lassende Genauigkeit in der Abbildung gesprochener Sprache lebendig zu machen versteht: "du scheiße" lauten symptomatischerweise die ersten beiden Worte des Stücks – jeder Drehbuchautor hätte wohl "Ach du Scheiße" geschrieben. Andererseits aber findet er gerade in diesem Milieu mit seinen vom kleinen Glück besessenen Losern ein großes und schlagendes Bild, um die gesamtgesellschaftliche Unsicherheit in Bezug auf eine globale Ethik zu illustrieren. Und das soll diesem jungen Autor erst einmal einer nachmachen.

 

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